netzpolitik.org hat veröffentlicht, an welche Firmen der Auftrag der Videoüberwachung in Berlin vergeben wurde: Adesso SE und Staige. Wir haben dazu ein wenig recherchiert
Bis September sollen die Kamerasysteme mit KI-gestützter Verhaltensanalyse am Kottbusser Tor in Betrieb genommen werden, damit sich CDU und SPD ihr Prestigeprojekt kurz vor der Wahl noch schnell auf ihre „sicherheits“fanatische Fahne schreiben können. Im Anschluss sollen direkt weitere öffentliche Orte ins Visier des KI-Überwachungsstaates genommen werden: Warschauer Brücke, Alexanderplatz, Görlitzer Park und Wrangelkiez, Rigaer Straße, Hermannstraße und Hermannplatz. Alles Orte an denen sich viele migrantische, arme, obdachlose oder politisch aktive Personen aufhalten, die rechten Parteien und ihrer gesellschaftlichen Ordnung ein Dorn im Auge sind und bitteschön aus dem Stadtbild verschwinden, oder wenigstens unter staatlicher Beobachtung stehen sollen.
Bei ähnlichen Überwachungsprojekten in Mannheim und Hamburg wurden die Kamerasysteme noch vom Fraunhofer IOSB, einem gemeinnützigen Institut, betrieben. In Berlin werden erstmals privatwirtschaftliche Unternehmen beauftragt, die damit einen Zuschlag von 4 Millionen Euro erhalten und ihre Profite durch die Weiterverwendung der erhobenen Videodaten und Weiterentwicklung ihrer Systeme noch weiter in die Höhe treiben können.
Adesso [2] ist ein IT-Dienstleister mit über 11.000 Mitarbeitenden und jährlich knapp 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Hauptsitz des Unternehmens ist in Dortmund, jedoch gibt es verschiedene Standorte mit Büros in ganz Deutschland, einer davon in Berlin, mitten in Kreuzberg, am Moritzplatz (Prinzenstraße 34), also nichtmal einen Kilometer vom Kottbusser Tor entfernt. Ein Besuch wäre also nur einen Katzensprung entfernt und könnte sicherlich lohnenswert sein 😉
Adesso wird die Hard- und Software für die KI-Videoüberwachung einkaufen.
Darüber hinaus bietet das Unternehmen „IT-Lösungen“ in 20 verschiedenen Branchen an, z.B. Gesundheitswesen, Wohnen, Lotto, Automobil oder -kaum verwunderlich- Verteidigung. Für ein laut Website „sicheres Europa“ werden Angebote für Bundeswehr, Polizei und weitere „Sicherheits“behörden entwickelt [3]. So bietet das Unternehmen zum Beispiel eine 3D Virtual Reality Software, die Kriegsszenarien simuliert und das nicht nur für Ausbildungszwecke, sondern auch für die Planung und Durchführung von Kriegseinsätzen im Echtfall. Nicht unwahrscheinlich, dass Videoaufnahmen vom Kotti oder anderen Orten in Zukunft möglicherweise für die Weiterentwicklung und Optimierung von militärischer Software verwendet werden.
Mit Transparenz und Datensicherheit nimmt es Adesso offenbar auch nicht so genau. 2022 gab es einen Hackerangriff auf deren IT Systeme, wodurch über mehrere Monate hinweg verschiedenste interne Daten aus dem Unternehmen abgefischt wurden, während Adesso es nichtmal für nötig hielt, seine Kunden, darunter auch die Bundespolizei, über den Hack zu informieren [4,5].
Staige [6] ist ein KI-Videoanalyse Unternehmen, welches die KI-Modelle für die automatische Verhaltensanalyse bereitstellt. Staige hat eine Mitarbeiteranzahl im zweistelligen Bereich und sitzt in Essen. Das Unternehmen bietet KI-Videoanalyse für die Bereiche Objektschutz (Industrie oder kritische Infrastruktur), ÖPNV, öffentlicher Raum [7] und Sport. Die Methoden und Modelle für die Videoauswertung hält Staige unter Verschluss. Es ist also nicht überprüfbar, ob die datenschutzrechtlichen Standards, wie beispielsweise Unkenntlichmachung von Gesichtern, eingehalten werden. Generell gibt es so auch keinerlei Möglichkeiten herauszufinden, welche Informationen (z.B. Hautfarbe, Kleidung, körperliche Beeinträchtigungen) aus den Videoaufnahmen von den Modellen verarbeitet werden und so zur Entscheidung beitragen, ob in dem Video gerade „abweichendes Verhalten“ zu sehen ist.
Auf der Website von Staige, lässt sich ein Eindruck gewinnen, wie die KI Analyse der Videoaufnahmen optisch aussieht.
Laut Bulleninfo sollen die KI Systeme an den KbOs in Berlin folgende Szenarien als „auffällig“ erkennen:
- Stech- und SchnittbewegungenSchlagen, Treten, Stoßen, Würgen
- Körperliche Auseinandersetzungen
- Abwehrhaltungen
- Stürze und Kollaps (Person liegt reglos auf dem Boden)
- Rauch- und Flammenerkennung
- Person in Panik oder Fluchtverhalten (zielloses Umherrennen)
Nicht relevant für KbOs, aber trotzdem interessant: Beim Einsatz im Objektschutz sollen folgende Szenarien erkannt werden:
- Betreten gesperrter Bereiche
- Beeinträchtigende Lärmeinwirkung
- Line-Crossing
- Klettern auf Zäune, Mauern oder Tore
- Stein-, Flaschen- oder Brandsatzwürfe
- Graffiti, Sprayen, Farbe
- Lichtprojektionen
- Zurückgelassene Objekte (Taschen, Koffer, Pakete)
- Langes Verharren, Schleichen oder Umhergehen vor sensiblen Objekten
- Anbringen von Gegenständen
Darüber, wie präzise die KI Systeme funktionieren, also wie hoch die Rate an falsch positiven Detektionen ist und wie gut sie „verdächtige“ Bewegungen von alltäglichen Aktivitäten unterscheiden können, gibt es ebenfalls keinerlei Informationen. Es bleibt also zweifelhaft, ob dabei eine Umarmung von einer körperlichen Auseinandersetzung, eine schlafende von einer kollabierenden Person oder eine psychisch angeschlagene von einer flüchtenden Person unterschieden werden kann.
Aktuell ist noch keine Gesichtserkennung vorgesehen und laut ASOG auch nicht zulässig. Dass sich das in naher Zukunft ändern wird, ist erwartbar, insbesondere nachdem der Bundestag bereits kürzlich ein Gesetz beschlossen hat, um automatische Gesichtserkennung zu ermöglichen.
Übrigens konnten diverse Studien bisher keinerlei präventive Wirkung von Videoüberwachung auf Gewaltdelikte nachweisen, aber wissenschaftliche Erkenntnisse sind unseren Parteien in ihrem Autoritäts- und Überwachungswahn bekanntermaßen ja sowieso ziemlich egal. Hauptsache Verdrängung, Überwachung, Kontrolle und Datensammlung mittels Salamitaktik.
Wir fordern den Senat auf, das Projekt KI-basierte Videoüberwachung an öffentlichen Orten in Berlin umgehend zu beenden und die 4 Millionen Euro in sinnvolle Projekte zu investieren: Straßensozialarbeit, Anti-Gewaltprojekte, Verfolgung von Mietwucher und Zweckentfremdung von Wohnraum.
Außerdem ermutigen wir alle Widerständigen, die mit diesem staatlichen Angriff auf unsere Freiheit und unser Zusammenleben nicht einverstanden sind, aktiv zu werden, und dafür gerne die bereitgestellten Informationen hinzuzuziehen.
Initiative Görli 24/7
https://goerli247.noblogs.org
[1] https://netzpolitik.org/2026/videoueberwachung-in-berlin-adesso-se-baut-verhaltensscanner-fuer-die-polizei/
[2] https://www.adesso.de/de/branchen/oeffentliche-verwaltung/ki/use-cases/datenschutzkonforme-gefahrenabwehr.jsp
[3] https://www.adesso.de/de/branchen/defense/index.jsp
[4] https://www.dsgvo-portal.de/sicherheitsvorfaelle/sicherheitsvorfall-adesso-DE-1748.php
[5] https://www.adesso.de/de/news/news/index.jsp
[6] https://staige.com/
[7] https://staige.com/loesungen/offentlicher-raum-opnv








